Bio-Zucker

Seitdem ich imkere, achte ich sehr viel mehr auf alles, was blüht und fliegt. So viel mehr, dass ich mich manchmal schon wie ein alter Öko-Schrat fühle. Und das ist nicht nur eine Selbtsbeschreibung: Wenn ich mit meiner Familie spazieren gehe, fange ich oft nach wenigen Minuten wie automatisch an, irgendetwas über die Bäume im Park oder die Blumen am Straßenrand zu erzählen. Das wurde anfangs neugierig, inzwischen jedoch zunehmend routiniert mit einem etwas befremdlichen Blick aufgenommen. Seit Neuestem kommt noch ein knapp gemurmeltes „Schrat!“ dazu. Ich entschuldige mich dann und rede meist einfach weiter, ich habe ja schließlich einen neugewonnen Ruf zu verlieren.

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Besser für Bestäuber: Lebensmittel aus Bio-Anbau.

Eine weitere Folge ist, dass ich wieder viel konsequenter Bio-Lebensmittel einkaufe. Da hatte sich über die Zeit so eine ungesunde Schludrigkeit eingeschlichen. Doch ich kann ja schlecht hier in Berlin für blühende Landschaften eintreten und mit meinem Konsum hinter den Stadtgrenzen genau das Gegenteil befördern. Schließlich ist Bio-Landwirtschaft sehr viel besser für Bestäuber, weil sie weitgehend auf Pestizide verzichtet und blühende „Un“kräuter wie Kornblumen in Maßen zulässt. Wenn die Bio-Bauern was draufhaben, lassen sie auch Feldränder unbearbeitet und lassen ein paar Hecken stehen, was den Wildbienen Futter und Nistmöglichkeiten bietet.

Meine Konsequenz hatte aber Grenzen, und so hielt ich den Kauf von Bio-Zucker als Winterfutter für die Bienen für einen sehr teuren und nicht wirklich nötigen Spaß. Ich dachte mir, ich mache doch schon so viel wesensgemäßes für die Bienen, schließlich lasse ich die ihre Waben im Naturbau bauen, beschneide meinen Königinnen nicht die Flügel, lasse die Völker auch Drohnen aufziehen, versuche so wenig wie möglich gegen die Varroa zu behandeln, und wenn dann nehme ich natürlich nur die organischen Säuren und nicht irgendwelche anderen Mittel. Kurz: Ich mache schon fast alles, was man für eine Bio-Imkerei machen muss, außer eben auf die Bio-Herkunft des Zuckers für das Winterfutter zu achten.

Zuckerrübe-Wikimedia

Konventionelle Zuckerrüben brauchen viel Gift, um zu wachsen.

Bio-Zucker ist im großen Stil ja auch nicht billig. Während ich konventionell hergestellten Kristallzucker für 0,85 Euro im Supermarkt kaufen kann und fertig angerührter Futtersirup pro kg weniger als 1,20 kostet, habe ich für Bienenfutter aus ökologischem Anbau Preise von bis zu 2 Euro pro kg gefunden. Das war mir zu viel, schließlich ist das Winterfutter einer der größten wiederkehrenden Posten in der imkerlichen Rechnung. Da ich bisher (fast) noch keinen Honig verkauft, dafür aber jede Menge Geld in Ausrüstung investiert habe, fand ich es angebracht hier auf Sparsamkeit zu achten.

Dann kamen aber zwei Dinge zusammen, wegen denen ich meine Haltung geändert habe. Dietmar bemerkte, fast nebenbei, dass bei konventionellem Zuckeranbau gehörige Mengen an Pestiziden und Herbiziden eingesetzt werden, was meinem Engagement für Wildbienenschutz und Blütenvielfalt eindeutig entgegen stand. Und tatsächlich: Sowohl der Zuckerrüben-Anbau in Deutschland als auch der Rohrzuckeranbau in Übersee fußt auf großen Mengen Agro-Chemikalien, die dem Ackerleben schaden und bei den Landarbeitern erhebliche Gesundheitsschäden verursachen können. Wusste ich alles, hatte ich aber erfolgreich verdrängt. Und zweitens hat Matthew, sein Imkerschüler, kürzlich ein Praktikum bei einer großen Bioland-Imkerei im Osten Brandenburgs gemacht, die in Deutschland angebauten Bio-Rübenzucker recht günstig weiterverkauft. Bei Ansgar Westerhoff in Worin gibt es Biozucker für 1,32 Euro pro kg, zur Selbstabholung in 25kg-Säcken. Das ist ein starker Preis, vor allem im Vergleich zum fertig angerührten konventionellen Futtersirup. Gut, es ist etwas mehr Arbeit das Futter selbst zu mischen, aber dafür habe ich Bio-Qualität. Zudem liegt Worin gut 60km östlich von Berlin, ist also recht schnell erreichbar.

Biozucker-Transport-07-2014

Säckeweise Biozucker

Eine nah gelegene Quelle mit deutschem Zucker aus Bio-Anbau zu annehmbaren Preisen – nachhaltiger geht es kaum, zumindest solange ich die Bienen nicht vollständig auf eigenem Honig überwintern lassen will. Wir sind also hingefahren, haben sechs Säcke eingepackt und können unsere Imkereien seitdem mit 100% Bio-Zucker versorgen. Der erste Sack ist schon verfüttert, jetzt steht die Varroa-Behandlung an, und im August und September folgt dann der Rest.

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