Honig, Veganismus und Peta

Die Tierschutzorganisation PETA, deren Arbeit ich grundsätzlich schätze auch wenn sie bisweilen übers Ziel hinausschießt, hat kürzlich einen ziemlich fragwürdigen Artikel gegen Honiggenuss und damit auch gegen die Imkerei veröffentlicht. Unter der Überschrift „8 Gründe, die verdeutlichen warum Honig nicht vegan ist“, argumentiert PETA einerseits stark verkürzt und andererseits schlicht falsch. Doch lest am besten zuerst einmal selbst.

Es geht darin um die Frage, ob man als Veganer/in Honig essen kann oder nicht. Laut PETA gehe das nicht, weil die Imker großes Leid unter den von ihnen betreuten Bienenvölkern verursachten. Bienen würden „in der Massenzucht gehalten und ausgebeutet“, man zwinge sie „in sogenannten Magazinen zu leben, die ihnen als künstlicher Bienenstock dienen“, verstümmelte die Königinnen, raube ihnen sämtlichen Honig und zerquetsche sie bei jeder Durchsicht massenhaft. Mit diesem Rundumschlag wirft PETA jedoch verschiedenste Haltungsformen (auf Imkerdeutsch „Betriebsweisen“) in einen Topf. Die Organisation differenziert nicht zwischen extensiver und intensiver Imkerei und missachtet Bemühungen im Rahmen von Verbänden wie Bioland oder Demeter. PETA verkennt damit nicht zuletzt die Rolle imkerlicher Betreuung für das Überleben der Honigbienen. Stattdessen solle man ein Wildbienenhotel bauen (was prinzipiell sinnvoll ist) und die Bienen Bienen sein lassen (was dramatisch wäre und die Zahl der Bienenvölker wegen der Varroa-Milbe um >95% dezimieren dürfte).

Dass ohne die Bestäubungsleistung der Bienen viel weniger Früchte und Nüsse sowie Gemüse in den Handel kämen, darüber denkt PETA nicht nach. Dass man als Freund der Bienen keine kalifornischen Mandeln essen sollte, deren Produktionsbedingungen in abschreckender Weise im Film „More Than Honey“ dargestellt werden, wird nicht erwähnt. Wer tier- und damit bestäuberfreundlich essen möchte, muss eben auf mehr achten als den tierischen Ursprung des Produktes selbst. Für Erdbeer-Plantagen werden beispielsweise Hummeln eingesetzt, deren Königinnen im zeitigen Frühjahr gefangen und dann in geeignete Kästen gesetzt werden. Letztlich müsste sich PETA fragen, wie denn die gewaltige Bestäubungsleistung erbracht werden soll, ohne dass Imker sich um Honigbienen kümmern und für diese Arbeit auch irgendwie entlohnt werden müssen. Ein Wildbienenhotel reicht dafür nämlich nicht aus, so sinnvoll es sein mag. Als Veganer/in muss ich sehr genau hinschauen, wie meine Lebensmittel produziert werden, zumindest wenn ich primär aus Tierschutz- und nicht aus Gesundheits- oder Lifestylegründen auf tierische Produkte verzichte.

Ein weiteres Argument gegen die Honigbienenhaltung ist laut PETA die grobe Arbeitsweise der Imker: „Viele Imker gehen beim Einsammeln des Honigs unachtsam vor. So werden die Flügel der winzigen Kreaturen oftmals beschädigt oder gar ihre Beine abgetrennt.“ Nun versuche ich Verletzungen und zerquetschte Bienen zu vermeiden, kann dies aber nicht 100%ig umsetzen. Und Berufsimker, die unter Zeitdruck arbeiten, werden sicherlich noch sehr viel grober mit den Kästen hantieren und nicht bei jedem Knacken zusammenzucken. Doch man muss auch das in Relation sehen. Eine Bienenkönigin legt im Frühjahr und Sommer 1.500 Eier am Tag (manche Quellen schreiben von bis zu 2.000). Das heißt, jeden Tag werden ebensoviele Bienen geboren wie sie sterben. Wenn ich also einmal pro Woche nach den Bienen gucke, sind in der Zeit 10.500 Bienen neu geboren und ebensoviele gestorben – an Altersschwäche, vom Regen überrascht, verirrt, von Spinnen oder Wespen gefressen oder gar von Menschen erschlagen, die Bienen und Wespen nicht unterscheiden können. Selbst wenn ich dann jede Woche 5 Bienen zerquetschen sollte, ist das ein winziger Bruchteil von dem, was die Natur mit diesem Bienenvolk in der Zwischenzeit angestellt hat. In richtige Gewissenskonflikte müsste ich dann laut PETA kommen, weil ich gerne einen Hornissenkasten im Garten aufhängen würde. Diese selten gewordenen Nützlinge fangen nämlich sehr gerne Honigbienen vor dem Flugloch weg – in nicht ganz unerheblicher, die Völker jedoch nicht gefährdenden Zahl. Natur kann hart sein, auf jeden Fall sehr viel härter als ich es sein könnte.

Neben solchen Lücken finden sich auch dickte Fehler in dem Artikel, u.a. „dass die Bienen von klein auf an Eiweißmangel leiden, weil der Mensch ihnen den für sie lebensnotwendigen Honig stiehlt“. Dies steht in offensichtlicher Verkennung der Tatsache, dass Bienen Pollen getrennt vom Honig lagern, auch wenn im Honig natürlich Pollen vorhanden ist. Dass Bienen gezwungen würden in Magazinbeuten zu hausen, ist auch nicht ganz stimmig. Denn in Experimenten fliegen Bienenschwärme ganz freiwillig solche Holzkisten an und wählen sie als Nest aus, wie der Biologe Thomas Seeley in seinem Buch „Die Bienendemokratie“ schreibt. Schlicht falsch ist die Behauptung, Magazine ließen sich „an einer Seite öffnen“, denn alle modernen Magazine werden von oben bearbeitet, während sogenannte Hinterbehandlungsbeuten nur noch sehr selten und von alten Imkern verwendet werden.

Auf der Facebook-Seite von PETA gab es neben einiger Zustimmung auch reihenweise kritische Kommentare von Imkerinnen und Imkern zu diesem Artikel. Die Kritik war so immens, dass sich PETA zu einem Kommentar gezwungen sah. In dieser Erwiderung verweist man dann etwas kleinlaut und trotzdem ignorant gegenüber den eigenen Fehlern darauf, dass man nicht jeden Hobby-Imker kritisieren wollte, dass aber doch der größte Teil des in Deutschland verzehrten Honigs aus dem Ausland komme, wo all die schlimmen Dinge alltäglich seien, die man im ersten Artikel beschrieben habe. Statt daraus aber ein Plädoyer für regional erzeugten Honig aus verantwortungsvoller Imkerei zu machen, schüttet man bei PETA das Kind mit dem Bade aus und behauptet, dass Honig für eine vegane Ernährung prinzipiell ungeeignet sei.

Mit dieser Mischung aus Halbwissen, Fehlern und Lücken im Argumentationsgebäude hat PETA aus meiner Sicht ziemlichen Mist gebaut. Ich finde es philosophisch durchaus richtig, den Veganismus-Gedanken als eine Abkehr vom Anthropozentrismus zu sehen und den Herrschaftsanspruch des Menschen über die Natur in Frage zu stellen. In konsequenter Fortsetzung hiervon sehe ich auch den Speziesismus kritisch, der bestimmte Tierarten für wertvoller oder schützenswerter sieht als andere.

Ich kann letztlich keine philosophisch begründete, sondern nur eine willkürliche Grenze ziehen zwischen dem armen Schwein, das ohne Betäubung geschlachtet wird, dem Fisch, der beim Heraufziehen aus dem Meer zerquetscht wird oder qualvoll erstickt, den Bienen, die in der Tat bei manchen industriellen Imkereien grausam behandelt werden („More Than Honey“ lässt grüßen), und den Würmern und Mikroorganismen und Pflanzen, die regelmäßig dran glauben müssen wenn die Bauern ihr Feld bestellen und abernten. Denn ganz ohne (Aus)Nutzung der Natur kann ich nicht leben (und nach oben hin gibts ja keine Grenze, auch wenn etwa die Frutarier das noch auszuloten versuchen). Beim Ackerbau gehen Zigtausende von Regenwürmern und Asseln drauf, wenn ein Feld gepflügt wird und die nächste vegane Saat eingebracht wird. Kurz: Ich kann mich nicht ernähren, ohne dabei auch Lebewesen zu opfern. Das Idealbild des Zero Impact Menschen, der ohne jeglichen ökologischen Fußabdruck lebt, ist ein Trugbild das nicht in die Realität umsetzbar ist. Leben heißt immer auch Einfluss auf die Umgebung zu nehmen, Teil der Umwelt zu sein und sie dadurch umzuwandeln. Sich Lebensräume anzueignen und sie dabei zu verändern ist seit Anbeginn des Lebens auf der Erde Teil unserer Biosphäre. Wir hätten ein gigantisches Problem, wenn Ameisen und Blaualgen auf einmal dem Zero-Impact-Gedanken anhängen würden! Hier hat PETA nicht zu Ende gedacht.

Ich habe im Bekanntenkreis jetzt schon öfter darüber diskutiert, ob und unter welchen Umständen Veganer/innen Honig essen können. Wenn ihr Honig verkauft, werdet ihr vielleicht auch mit diesen und ähnlichen Argumenten konfrontiert, gerade in Berlin, einer Hochburg der veganen Ernährung. Meine Zusammenfassung lautet dann oft: Billigen Supermarkt-Honig „aus EG- und Nicht-EG-Ländern“ könne man getrost boykottieren, ein genereller Verzicht auf Honig als persönliche und politische Leitlinie ist aber kontraproduktiv. Wer Bienen schützen will, kauft regional produzierten Honig aus verantwortlicher Imkerei, denn das garantiert am ehesten dass es auch in Zukunft viele Honigbienenvölker in der Umgebung gibt, und achtet darauf Bio-Lebensmittel zu kaufen, deren Herstellung deutlich besser für die Artenvielfalt auch und gerade der Wildbienen ist. Und wer kann, baut noch ein Insektenhotel.

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4 Gedanken zu “Honig, Veganismus und Peta

  1. Schöne Zusammenfassung. Ich kann nur bis heute keinen Zusammenhang zwischen PeTA und schätzenswerter Arbeit erkennen, wenn man über den Tellerrand der Imkerei hinausblickt. Nackt statt Pelz – schön, schadet niemandem. Aber „Schüttet Eure Aquarienfische ins Klo, um wie Nemo in Freiheit zu kommen“ verstößt simpel gegen das Tierschutzgesetz.
    Und: Was hat ein Wildbienenhotel mit Honigbienen zu tun?
    Gibt es Untersuchungen, was passieren würde, gäbe es keine menschliche Bienenhaltung? Gäbe es dann vielleicht mehr wildlebende Bestäuber?

  2. PETA ist dem Selbstverständnis nach keine Tierschutz-, sondern eine Tierrechtsorganisation. Es wäre sehr hilfreich, wenn die gute, sinnvolle und dringend notwendige Arbeit, die im Bereich des Tierschutzes geleistet wird, nicht durch Vergleiche mit „Tierrechts“-„Arbeit“ diskreditiert würde.

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