Bienensterben? Das sagen die FAO-Statistiken

Wenn ich an einem Infostand stehe, kommt unweigerlich früher oder später das Stichwort „Bienensterben“. Jede und jeder hat schonmal davon gehört, aber nicht immer scheint klar zu sein wo eigentlich wie viele Bienen und warum angeblich sterben. Ich habe mir mal die Mühe gemacht und in die amtlichen Statistiken der Food and Agriculture Organisation of the United Nations, kurz FAO, hineingeschaut.

Mit deren Online-Statistiktool kann man sich Daten zu zahlreichen landwirtscahftlich genutzten Tier- und Pflanzenarten herunterladen oder gleich grafisch anzeigen lassen, und das habe ich für Bienenvölker getan. Der Blick auf die Daten der in Rom ansässigen Organisation birgt einige Überraschungen. So hat sich die Zahl der imkerlich genutzten Bienenvölker weltweit deutlich erhöht. In dieser Grafik sind alle Daten von 1973 bis 2013 enthalten. Man sieht eine kleine Delle um 1990, als die Sowjetunion zerfiel, aber bis 2000 waren die Zahlen wieder auf dem alten Niveau und sind seither deutlich gestiegen. 2013 wurden 81,03 Millionen Bienenstöcke gemeldet, verglichen mit 70,71 Millionen im Jahr 2000 und 55,3 Millionen im Jahr 1973.

numberofbeehives-1973-2013-worldDa stellt sich die Frage: Warum reden alle Menschen übers Bienensterben? Offensichtlich haben wir kein weltweites Problem mit imkerlich gehaltenen Bienenvölkern, sondern vielleicht ein regionales?

Im Film More Than Honey wurde z.B. von der schlimmen Situation in China berichtet. Und in der Tat ist Umweltverschmutzung in China ein gravierendes Problem. Doch was sagen die Statistiken zur Zahl der Bienenvölker?

numberofbeehives-1973-2013-chinaChina hatte einige offensichtliche Schwierigkeiten Mitte der 1990er Jahre, doch seitdem steigt die Zahl der Honigbienen deutlich an auf zuletzt über 9 Millionen. Wenn das Bienensterben nicht in China liegt, dann ja vielleicht woanders. Afrika womöglich? Der Kontinent hinkt in wirtschaftlicher Entwicklung Asien und Südamerika nach wie vor hinterher, vielleicht sind imkerliche Probleme dann auch weit verbreitet?

numberofbeehives-1973-2013-africaAuch hier zeigen sich keine Anzeichen eines Bienensterbens. Was auch immer in Afrika schief läuft, es schlägt nicht auf die Zahl gehaltener Bienenvölker durch. Im Gegenteil: Initiativen wie Honey Care Africa verbessern die Bedingungen für Imkerei in ländlichen Regionen, indem sie neue Absatzwege eröffnen. Das Einkommen auf dem Land steigt, und die Zahl der Bienenvölker auch. Etwas weiter westlich liegt Südamerika, Ursprungsort der afrikanisierten Honigbienen, einer sehr aggressiven Kreuzung aus westlicher und afrikanischer Honigbiene. Außerdem ist der Kontinent immer wieder mit dem Raubbau am Regenwald in den Medien. Ist das Bienensterben also ein südamerikanisches Phänomen?

numberofbeehives-1973-2013-southamericaErneut bleibt zu konstatieren: Nein, in Südamerika gibt es vielleicht viele Probleme, aber keines das zu einer sinkenden Zahl der Bienenvölker führen würde. Im Gegenteil, die Zahl steigt beständig weiter an, auf zuletzt knapp 5,3 Millionen. Das ist eine deutliche Steigerung von etwa 3 Millionen um 1990 und unter 2 Millionen Anfang der 1970er Jahre. Da bleibt jetzt nicht mehr viel – außer den Industrieländern. Als erstes schauen wir nach West-Europa:

numberofbeehives-1973-2013-westerneuropeAha! Hier werden die Zahlen deutlicher. Ein kontinuierlicher Abfall der Zahl der Bienenvölker seit 1990, und erst jüngst Anzeichen dass sich der Abwärtstrend bei knapp über 2 Millionen stabilisiert hat – von über 3 Millionen Anfang der 1990er Jahre und sogar fast 4 Millionen Mitte der 1980er ein deutlicher Rückgang. Bleiben noch die USA:

numberofbeehives-1973-2013-usaAuch hier ein Treffer, allerdings liegen hier die größten Rückgänge ebenfalls schon zwei Jahrzehnte zurück. Am auffälligsten ist der Abfall von 1985, als 4,325 Millionen Bienenstöcke gemeldet worden waren, auf nur 3,205 Millionen im darauf folgenden Jahr. Die Zahl sank dann weiter ab, bis der Tiefpunkt 2007 mit 2,301 Millionen erreicht war. Seitdem gibt es eine leichte Erholung zu verzeichnen, zuletzt wurden 2,64 Millionen Völker gezählt.

Wie lassen sich diese Daten interpretieren? Es scheint vor allem so zu sein, dass das Bienensterben ein Phänomen der westlichen Industriestaaten ist das medial zu einem weltweiten Phänomen hochstilisiert wurde. Sind die Rückgänge in den OECD-Staaten drastisch? Ja, das sind sie. Sagen sie uns etwas über den Zustand unserer Umwelt? Wohl weniger, als man meinen sollte. In Deutschland ist das sogenannte Bienensterben vor allem ein Imkersterben gewesen: Alte Imker haben ihr Hobby aufgegeben, wenige Junge kamen nach, und so sank die Zahl der Bienenvölker in Deutschland lange. Hier sind die Daten für Deutschland:

numberofbeehives-1973-2013-germanyAm auffälligsten ist der starke Abfall nach der Wende: Von 1,8 Millionen auf 1,215 Millionen binnen drei Jahren. Die zahl ging dann weiter runter, um Anfang der 2000er Jahre bei gut 900.000 zu stagnieren. Im Winter 2007 kam es dann tatsächlich zu einem massiven Einbruch, für 2008 wurden nur noch 692.000 Völker gemeldet. Seither liegt die Zahl recht konstant bei knapp unter 700.000.

Nun sind all diese Daten aggregiert und erlauben für sich genommen keine weit reichenden Schlüsse. Es scheint jedoch so zu sein, dass wir in den westlichen Industriestaaten vor allem ein demografisches und ein ökonomisches, nicht aber ein grundsätzlich ökologisches Problem im Bereich der Imkerei haben. Denn dieses müsste man in Ländern wie China oder auf Kontinenten wie Südamerika mit ihrer stark wachsenden Wirtschaft und ihren massiven Umweltveränderungen viel deutlicher sehen können. Wenn man vom Bienensterben spricht, sollte man sich also bewusst sein in welchen Regionen dieses überhaupt zu beobachten ist und wie es möglicherweise zustande kommt.

Noch ein Wort zur Datenqualität: Es ist nicht nur durchaus möglich, sondern sehr wahrscheinlich dass sich in den FAO-Daten reihenweise Fehler finden lassen. Nehmt als Beispiel die Daten für Italien:

numberofbeehives-1973-2013-italyItalien berichtet von 1999 bis 2004 konstant 900.000 Bienenvölker. Danach gehen die Zahlen zunächst ein bisschen rauf, um dann steil auf exakt 500.000 Völker zu fallen – eine Zahl die dann durchgehend für jedes Jahr von 2008 bis einschließlich 2013 berichtet wird. Jetzt kenne ich die italienische Imkerszene nicht so gut, aber schon bei einem Blick auf diese Zahlen ist offensichtlich dass mit viel Glück die ungefähre Größenordnung stimmt, mit Sicherheit aber nicht der zur FAO gemeldete Wert.

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2 Gedanken zu “Bienensterben? Das sagen die FAO-Statistiken

  1. Danke für diesen Bericht, erschreckend und wachrüttelnd.

    Kleiner Fehlerteufel:
    „Nun sind all diede“

    Gruß
    Malemmy

  2. Ich persönlich habe noch nie etwas vom Bienensterben gemerkt. Jeden Sommer in den vergangenen Jahrzehnten waren Bienen an den Blüten im Garten. Wenn die Jungfernrebe blüht, ist das Summen immer schon von Weitem zu hören. In den letzten Jahren wurden es eher immer mehr Bienen. Im vergangenen Jahr war es teilweise auch an anderen Pflanzen so, wie an der Jungfernrebe. Da habe ich mir schon Sorgen gemacht, dass nicht mehr genug Nektar übrig bleibt für Wildbienen, Hummeln und Andere. Auch wirkten die Bienen im vergangenen Jahr so gehetzt. Sie sind wie die verrückten über die Blütenstände geflitzt, haben sich kaum Zeit für die einzelnen Blüten genommen. Die Hetzerei ging teilweise auch auf andere Blütenbesucher über. Hummeln und vor allem Wespen habe ich auch noch nie so hektisch Nektar sammeln gesehen. Vielleicht lag die Hektik aber auch am extrem warmen und trockenen Sommer.
    Manchmal waren die Bienen selbst an Pflanzen, die sonst nicht von Bienen besucht werden. Ein Höhepunkt der Absurdität war, als im Sommer eine Biene über den männlichen Blütenstand einer Maispflanze hetzte. Der zweite Höhepunkt war im Dezember, als zig Bienen um Schneeball, Primeln und Christrosen herumschwirrten. Und das an Heiligabend! Ich habe den Verdacht, dass es kein Bienensterben gibt, das es sich stattdessen um eine Marketingstrategie handelt um den Verkauf von Honig anzukurbeln.

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