Mehr Probleme mit den FAO-Daten über Bienen

Ich hatte vor einiger Zeit über die zweifelhaften Katastrophenmeldungen zum Bienensterben geschrieben, einem Phänomen das sich in den Daten gar nicht nachweisen lässt. Im Gegenteil: Den Statistiken der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) zufolge nimmt die Zahl der von Menschen gehaltenen Bienenstöcke weltweit zu. Während ihre Zahl in Europa und den USA in den 1990er Jahren leicht zurückgegangen ist und seitdem weitgehend stagniert, steigt sie in Asien, Afrika und Lateinamerika deutlich an. Gab es 1983 noch 64,7 Millionen Bienenstöcke weltweit, waren es 2003 bereits 73,2 Millionen und 2013 sogar schon 81 Millionen.

In dem Beitrag hatte ich jedoch auch auf Probleme mit den FAO-Daten verwiesen, denen ich nun etwas mehr Aufmerksamkeit gegönnt habe. Und auch wenn diese mich nicht gleich daran zweifeln lassen, dass wir entgegen der landläufigen Meinung gar kein globales (Honig-)Bienensterben haben, so werfen die gefundenen Schwächen doch ein schlechtes Licht auf die Datenqualität und das Datenmanagement bei der FAO. Welche Probleme habe ich nun gefunden?

Zuerst einmal gibt es Klärungsbedarf für die Angaben über Australien. Dort sollen laut FAO Anfang der 2000er Jahre noch 360.000, Anfang der 2010er Jahre aber nur noch 230.000 Bienenstöcke gewesen sein. Meine Anfrage an die zuständige Australian Pesticides and Veterinary Medicines Authority (AVPMA) ergab jedoch ein ganz anderes Bild. Les Davies, zuständiger Mitarbeiter in der AVPMA, schrieb mir folgende Angaben:

Year No. of managed hives Reference
2006-07 571,968 Rural Industries Research & Development Corporation. A Hive-based Levy for the Honeybee Industry — Scoping study assessing the suitability and feasibility of an alternative honeybee levy approach. RIRDC Publication No. 10/143 July 2010. https://rirdc.infoservices.com.au/downloads/10-143
2006-07 605,765 Rural Industries Research & Development Corporation. Commercial Beekeeping in Australia (2007) https://rirdc.infoservices.com.au/downloads/07-059
2010-11 341,377 Australian Bureau of Statistics. Agricultural Census 2010-11. Beehives on holding – Australia (Spreadsheet provided by the Department of Agriculture on 9/12/2014)
~2013 528,000 Rural Industries Research & Development Corporation

Honey Bee & Pollination webpage http://www.rirdc.gov.au/research-programs/animal-industries/honeybee/?Page=5

Data source: AHBIC, 2014

[AHBIC = Australian Honey Bee Industry Council]

2013-14 521,081 Plant Health Australia. BeeAware website

http://beeaware.org.au/industry/

(Data source: State Department of Primary Industries)

2013-14 524,217 Data from the DoA; see Attachment 1 to this document
2014 524,000 The Senate Rural and Regional Affairs and Transport References Committee. Future of the beekeeping and pollination service industries in Australia (July 2014)

http://www.aph.gov.au/parliamentary_business/committees/senate/rural_and_regional_affairs_and_transport/beekeeping/report/~/media/Committees/Senate/committee/rrat_ctte/beekeeping/report/report.pdf

Hier ist zuallererst verwunderlich, dass in Australien selbst Uneinigkeit über die Zahl der Bienenvölker zu bestehen scheint. Gut 341.000 nimmt das Australian Bureau of Statistics für die Jahre 2010-11 an, was in etwa mit den FAO-Angaben übereinstimmt. Die Rural Industries Research & Development Corporation hingegen geht mit 570.000 bzw. über 600.000 Bienenvölkern in den Jahren zuvor von fast dem Doppelten des in Rom vermerkten Wertes aus.  Für die Jahre danach geht man dort und in anderen Behörden von über 520.000 Stöcken aus, während die FAO in ihrer Datenbank 230.000 Bienenvölker führt. Das sind doch schon sehr starke Abweichungen, die zu erklären ich die Statistiker in Rom gebeten habe.

Neben diesem Fall, der durchaus auf der Verwirrung der australischen Regierung selbst beruhen könnte, sind bei einer wahllosen Suche eine Reihe von Länderstatistiken aufgetaucht, deren Angaben vor allem durch eine verdächtige Konstanz sehr fragwürdig sind. Vier Beispiele hierfür:

– In Italien sollen von 1995 bis 1998 über vier Jahre ganz genau 1.000.000 Bienenstöcke gestanden haben. Dann sollen es von 1999 bis 2004 über sechs Jahre hinweg gleichbleibend 900.000 Bienenvölker gewesen sein. Nach kleineren Fluktuationen in den folgenden drei Jahren sackte die Zahl dann angeblich auf genau 500.000 ab, wo sie über sechs Jahre von 2009 bis 2013 verharrte. Ich weiß nicht genau wie die Italiener ihre Bienen halten, aber aus imkerlicher Sicht sind solch präzise organisierten Hunderttausender-Sprünge schon sehr beeindruckend.

Indien ist ebenfalls ein ganz erstaunlich konstantes Land, jedenfalls wenn es um Bienen geht. Dort hat man acht Jahre lang, nämlich von 2000 bis 2007, ganz genau 9.800.000 Bienenvölker halten können. Jeder Verlust gleich ausgeglichen, jeder Extra-Ableger perfekt integriert. Hut ab!

– Ich weiß nicht, wie es Brasilien angestellt hat um nicht weniger als 10 Jahre lang, von 1995 bis 2004, beständig 824.000 Bienenvölker zu halten. Aber selbst diese Meisterleistung wir noch getoppt, und zwar von

Südafrika, das Land das erst 1994 von einem autokratischen Apartheidsregime zu einer Demokratie geworden ist und einen gravierenden sozialen und ökonomischen Wandel erfahren hat, aber auf magische Weise von 1977 bis 2004 und damit 28 Jahre lang haargenau 52.000 Bienenvölker gehalten haben soll. Nelson Mandela hat viel erreicht, nur auf die Imkerei in dem Land hat er offensichtlich keinerlei Einfluss gehabt.

– Nicht zuletzt scheint es auch in Deutschland Ungereimtheiten zu geben. Zwar stimmen die Angaben ab 2006, die im „Statistischen Jahrbuch über Ernährung und Landwirtschaft und Forsten 2013“ vermerkt sind, recht gut mit denen der FAo überein. Davor jedoch gibt es auch bei uns seltsam stabile Verhältnisse. Wir haben von 2002 bis 2005 und damit vier Jahre lang angeblich und ganz genau 930.000 Bienenvölker zu stehen gehabt. Ich habe es seltsamerweise nicht geschafft, die tabellarischen Zahlen von der DIB-Seite zu bekommen, aber auch mit dem bloßen Auge sieht man bei einem Blick auf die Grafik zur „Anzahl der Bienenvölker“ über die entsprechenden Jahre eine Fluktuation, die den vier Jahre gleichbleibenden Zahlen laut FAO widerspricht.

Ich habe der FAO und dem BMEL diese Erkenntnisse zukommen lassen und bin gespannt, ob und wie sie reagieren. Denn eins ist klar: Ohne solide Daten über den Zustand der wichtigsten Bestäuber können wir das Risiko für die Nahrungsmittelproduktion und den Naturhaushalt gar nicht hinreichend einschätzen. Wir brauchen dringend verlässlichere Daten über den Zustand der Honigbienen und mehr noch über den der Wildbienen! Das Intergovernmental Panel on Biodiversity and Ecosystem Services (IPBES) erstellt beispielsweise gerade eine Studie zum weltweiten Zustand der Bestäuber. Bleibt zu hoffen, dass die ihre eigenen Zahlen ermittelt haben.

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