Warum sterben die Bienen? Neue Studie verbindet zentrale Faktoren

Es gibt eine Vielzahl von Studien, die versuchen den einen entscheidenden Faktor für den Rückgang an Wildbienen-Populationen ausfindig zu machen. Das, so argumentiert eine neu erschienene Studie (hier als PDF) einer Gruppe von Autoren um den englischen Biologien Dave Goulson, ist aber vielleicht ein Holzweg. Vielmehr sei es gerade das Zusammenspiel verschiedener Faktoren, die für den Rückgang der Artenvielfalt von Bestäubern verantwortlich zu machen seien. Auf Englisch sind die zentralen Punkte des Artikels nebst einem Interview schön zusammengefasst bei vox.com.

Nun sind Studien, die auf multifaktorielle Ursachen eines komplexen Geschehens verweisen, nicht selten ein umständlich formuliertes Eingeständnis dafür, dass man die tatsächlichen Faktoren eben noch nicht genau kennt. In diesem Fall jedoch sind die drei wesentlichen Probleme, die in Diskussionen über das Bienensterben immer wieder auftauchen, so kausal miteinander vekrnüpft worden, so dass ich geneigt bin das für eine ziemlich plausible Synthese zu halten.

Im Zentrum stehen drei Faktoren: Erstens der Rückgang an Nahrungsquellen durch Monokulturen und fehlende Blühflächen, zweitens der Einfluss von Pestiziden, die sich in ihrer Wirkung teilweise verstärken, und drittens Parasiten und Krankheitserreger. Der Rückgang an Blühpflanzen sorgt für Nahrungsmangel bei den Bestäubern, was sie anfälliger für Krankheitserreger macht. Gleichzeitig zwingt er sie, auf mit Pestiziden belastete Fläche auszuweichen, auch wenn sie möglicherweise andere Nahrungsquellen bevorzugen würden. Die Agrarchemikalien vermischen sich in den Honig- und Wildbienen oder in ihren Stöcken zu einem Cocktail, bei dem beispielsweise Fungizide die Wirkung von Neonikotinoiden erheblich verstärken können. Diese Mehrfachbelastung führt wiederum zu einer höheren Anfälligkeit für Krankheitserreger. Die Zusammenhänge haben die Autoren grafisch so dargestellt:

Goulsonetal2015Fig3-combinedfactorsforbeeproblems

Darstellung der mehrfachen Belastung von Bestäubern durch Monokulturen, Pestizide und Parasiten in Goulson et al. 2015

Da es für all diese Wechselwirkungen wissenschaftliche Belege gibt, ihr Gesamtzusammenhang aber nicht einfach im Labor nachweisbar ist, muss diese Darstellung als gut begründete, aber eben noch nicht belegte Hypothese gelten. Doch die Wechselwirkungen können nicht nur den Rückgang der Wildbienen erklären, sondern auch warum man in den meisten bisherigen Forschungsarbeiten noch keinen durchschlagenden Beweis für den einen zentral verantwortlichen Faktor gefunden hat. Im Labor lassen sich nämlich nur einzelne Aspekte gezielt untersuchen, und wenn man beispielsweise die Bienen einer gewissen Dosis Neonikotinoide aussetzt, dann stellt man häufig fest dass diese bei üblicherweise im Feld auftretenden Konzentrationen keineswegs so vernichtend wirken, wie in der Imkerszene oft behauptet wird. Wenn man Bienen eine sehr einseitige Pollendiät vorsetzt, dann kann man zwar ein paar negative Effekte beobachten, aber eben keine so gravierenden dass man deshalb eine Bestäuberkrise am Himmel heraufziehen sieht.

Erst im Zusammenspiel all dieser Faktoren könnte sich deshalb erklären, warum Populationen von Bestäubern in intensiv bewirtschafteten Agrarlandschaften so drastisch zurückzugehen scheinen. Es könnte begründen, warum man bis jetzt noch keine einzelne heiße Spur, sondern eine Reihe von möglichen Faktoren gefunden hat. Und die Autoren beenden ihren Artikel mit einer erstaunlich positiven Botschaft: Gerade weil mehrere Faktoren verantwortlich gemacht werden können, ist auch der Schutz von Bestäubern vergleichsweise einfach. Weder muss das gesamte Agrarsystem auf extensive Bewirtschaftung umgestellt werden, noch müssen Pestizide grundsätzlich in allen Formen verbannt werden, noch muss man einen bislang nicht absehbaren Durchbruch in der Varroa-Toleranzzucht erzwingen, um den Bienen zu helfen. Es könnte genügen, in allen diesen Bereichen einige kleinere Schritte zu gehen, um insgesamt viel für den Schutz von Bestäubern zu erreichen – und damit die Artenvielfalt zu bewahren und Ernteerfolge in der Landwirtschaft zu sichern.

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